„Sublingual“ bedeutet „unter der Zunge“ — und bezeichnet eine Form der Einnahme, bei der Tropfen dort kurz gehalten werden, bevor sie geschluckt werden. Fast jeder Hersteller von CBD-Öl empfiehlt genau das. Diese Seite erklärt den Begriff, den Gedanken dahinter und den Stand der Forschung.
Der Kern des Prinzips lässt sich als Zwei-Wege-Aufnahme beschreiben: Ein Stoff kann über die Mundschleimhaut direkt ins Blut gelangen oder über den Magen-Darm-Weg mit einem Umweg über die Leber. Was davon bei CBD-Tropfen wirklich passiert, ist weniger eindeutig als die Werbung suggeriert.
Eine Anleitung mit Mengen finden Sie hier bewusst nicht. Wie viel CBD für wen sinnvoll ist, lässt sich aus der Studienlage nicht ablesen — dazu gibt es eine eigene Seite in diesem Themengebiet.
Was bedeutet „sublingual“?
Das Wort setzt sich aus den lateinischen Teilen „sub“ für „unter“ und „lingua“ für „Zunge“ zusammen. Sublinguale Einnahme heißt: Eine Flüssigkeit kommt unter die Zunge und bleibt dort eine Weile, bevor sie geschluckt wird.
Hersteller von CBD-Ölen empfehlen meist eine Haltezeit von 30 bis 90 Sekunden. Diese Zahl stammt aus ihren Gebrauchshinweisen, nicht aus Studien — eine wissenschaftlich geprüfte Wartezeit gibt es bislang nicht.
Begegnet ist der Begriff fast jedem, der eine Flasche CBD-Öl in der Hand hält. Er steht auf der Packung, in der beigelegten Anleitung und in beinahe jedem Online-Shop. Die empfohlene Routine liest sich überall gleich: Flasche schütteln, Tropfen zählen, unter die Zunge geben, warten, schlucken.
Achtung: Sublingual ist nicht dasselbe wie oral. Bei der oralen Einnahme wird direkt geschluckt; der Stoff geht durch Magen und Darm. Die sublinguale Form versucht, einen Teil des Stoffes schon im Mund aufzunehmen. In der Praxis vermischen sich beide Wege — dazu gleich mehr.
Fachlich spricht man auch von oromukosaler Gabe, also der Gabe über die Mundschleimhaut. In Studien tauchen dafür vor allem Sprays auf, die den Wirkstoff fein im Mundraum verteilen.
Die Zwei-Wege-Aufnahme
Die Mundschleimhaut ist dünn und wird stark durchblutet. Theoretisch können Stoffe dort direkt in die Blutbahn übertreten. Das ist der erste Weg der Zwei-Wege-Aufnahme: schnell, ohne Umweg über die Verdauungsorgane.
Der zweite Weg führt durch den Magen-Darm-Trakt. Was geschluckt wird, gelangt über die Darmwand zuerst in die Leber. Dort baut der Körper einen großen Teil des CBD ab, bevor es den Kreislauf erreicht — Fachleute nennen das den First-Pass-Effekt. Auswertungen schätzen, dass die Leber 70 bis 75 Prozent einer aufgenommenen Menge vorab entfernt (Quelle: Perucca & Bialer, 2020).
Die Folge: Von oral eingenommenem CBD kommen nüchtern nur etwa 6 Prozent im Blut an (Quelle: Perucca & Bialer, 2020). Diese Zahl erklärt, warum die Idee des ersten Weges so attraktiv klingt — wer die Leber umgeht, müsste mehr vom Stoff nutzen.
Der erste Weg ist in der Medizin durchaus etabliert. Manche Arzneimittel werden gezielt über die Mundschleimhaut gegeben, wenn ein schneller Beginn nötig ist oder die Substanz im Magen verloren ginge. Ob ein Stoff dafür geeignet ist, hängt von seinen Eigenschaften ab — etwa davon, wie gut er die Schleimhaut durchdringt.
Den Fachbegriff für dieses Thema erklärt der Artikel Bioverfügbarkeit von CBD: Er beschreibt, welcher Anteil einer Substanz unverändert im Blut ankommt und warum er bei CBD so niedrig ist.

Warum empfehlen Hersteller Tropfen unter der Zunge?
Die Empfehlung beruht auf dem eben beschriebenen Prinzip: Je mehr CBD über die Mundschleimhaut aufgenommen wird, desto weniger verfällt dem Abbau in der Leber. Aus der Physiologie der Schleimhaut wird so ein Verkaufsargument.
Drei Aussagen kursieren dabei besonders häufig.
- „Die Aufnahme ist schneller“ — weil Magen und Darm umgangen werden.
- „Die Aufnahme ist höher“ — weil der First-Pass-Effekt entfällt.
- „Man braucht weniger“ — weil mehr vom Stoff ankommen soll.
Alle drei Aussagen haben einen wahren Kern: den Aufbau der Schleimhaut. Ob sie für CBD-Öl aus der Pipettenflasche zutreffen, ist eine andere Frage — und genau die hat die Forschung inzwischen gestellt.
Wichtig für die Einordnung: Die Aussagen stammen von Anbietern, die ihre Produkte verkaufen möchten. Sie sind Gebrauchshinweise und Werbung in einem — keine Zusammenfassung der Studienlage. Diese Lücke zwischen Empfehlung und Beleg füllt der nächste Abschnitt.
Der Befund der Forschung
Die bislang aufschlussreichste Untersuchung verglich direkt beide Formen. Acht gesunde Männer erhielten dasselbe CBD-Öl einmal als Tropfen unter der Zunge und einmal in geschluckten Kapseln. Das Ergebnis: Die Blutprofile unterschieden sich nicht — weder die Höhe der Spitzenwerte noch ihr Zeitpunkt (Quelle: Johnson et al., 2024).
Die Details machen das Ergebnis anschaulich. Die Spitzenkonzentration lag bei 28 Nanogramm pro Milliliter nach den Kapseln und bei 24 nach den Tropfen. Der Zeitpunkt des Höchstwerts betrug in beiden Fällen rund vier Stunden. Auch Herz-Kreislauf-Werte, Leberwerte und das Befinden der Teilnehmer unterschieden sich nicht (Quelle: Johnson et al., 2024).
Die Forscher ziehen daraus einen bemerkenswerten Schluss: Das Öl wird offenbar größtenteils geschluckt, bevor die Mundschleimhaut nennenswerte Mengen aufnimmt. Aus der Zwei-Wege-Aufnahme wird in der Praxis also meist ein Weg — der durch den Verdauungstrakt.
Ältere Studiendaten passen dazu. Für Tropfen unter der Zunge maßen Untersuchungen Spitzenwerte nach rund zwei Stunden — vergleichbar mit oralen Formen, nicht schneller (Quelle: Millar et al., 2018).
Etwas anders sieht es bei Sprays aus, die den Wirkstoff fein zerstäuben. Eine Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt schätzt die Aufnahme über die Mundschleimhaut auf 11 bis 13 Prozent — höher als oral, aber immer noch niedrig (Quelle: Herdegen & Cascorbi, 2023).
Die ehrliche Zusammenfassung lautet daher: Ein Vorteil der sublingualen Form ist denkbar, aber klein und beim Menschen nicht sicher belegt. Werbehinweise, die eine merklich stärkere oder schnellere Aufnahme versprechen, gehen über den Forschungsstand hinaus.
Zur Einordnung gehört auch die Größe der Studien. Die Vergleichsuntersuchung umfasste nur acht gesunde Männer — Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle übertragen. Größere Untersuchungen mit unterschiedlichen Produkten fehlen bislang (Quelle: Johnson et al., 2024).
Wie beeinflusst Essen die Aufnahme?
Stärker als die Frage „unter die Zunge oder schlucken“ wirkt eine andere: die Begleitung durch Essen. Eine fetthaltige Mahlzeit kann die aufgenommene Menge vervierfachen (Quelle: Perucca & Bialer, 2020).
Der Grund liegt in der Chemie des Stoffes. CBD löst sich gut in Fett und schlecht in Wasser. Fett im Essen hilft dem Körper, mehr davon durch die Darmwand zu schleusen. Auch die Zeitpunkt-Daten zeigen das: Die höchsten Blutwerte fallen nach einer Mahlzeit höher aus (Quelle: Millar et al., 2018).
Aus der Arzneimittelforschung kommt ein ähnliches Bild. Beim zugelassenen Arzneimittel Epidyolex stieg eine fettreiche Mahlzeit die Aufnahme um das Vier- bis Fünffache; die Lösung wird dort geschluckt, nicht unter der Zunge gehalten (Quelle: EMA, EPAR Epidyolex). Diese Ergebnisse sind auf frei verkäufliche Öle nicht 1:1 übertragbar — sie zeigen aber, wie stark der Faktor Essen wirkt.
Für die Praxis heißt das: Wer die Einnahmeform verbessern will, schaut eher auf den Essenszeitpunkt als auf die Haltezeit. Die Zulassungsunterlagen empfehlen beim Arzneimittel, die Einnahme gleichbleibend zu gestalten — immer mit oder immer ohne Essen. Damit bleibt die aufgenommene Menge von Tag zu Tag vergleichbar (Quelle: EMA, EPAR Epidyolex).
Wer die Form vergleichen will, findet den Aufbau von Ölen im Artikel CBD-Öl: Was ist das?. Wie sich die Milligramm-Menge eines Tropfens aus Flaschengröße und Gehalt ergibt, rechnet der Artikel Milligramm pro Tropfen vor.
Vorsicht für bestimmte Gruppen
Reines CBD stuft die Weltgesundheitsorganisation als gut verträglich ein; sie stellt kein Abhängigkeitspotenzial fest (Quelle: WHO). Das entbindet einzelne Personen nicht von Vorsicht — unabhängig von der Form der Einnahme.
- Menschen mit Medikamenten: CBD kann den Abbau anderer Wirkstoffe in der Leber bremsen und deren Wirkung verändern (Quelle: Iffland & Grotenhermen, 2017).
- Schwangerschaft und Stillzeit: Es fehlen ausreichende Sicherheitsdaten; Fachstellen raten zur Zurückhaltung.
- Kinder und Jugendliche: Frei verkäufliche Produkte sind für sie nicht vorgesehen.
- Menschen mit Lebererkrankungen: Hohe CBD-Mengen können die Leberwerte erhöhen (Quelle: EMA, EPAR Epidyolex).
Ein praktischer Hinweis zur Form: Wer empfindlich auf Alkohol reagiert, prüft die Zutatenliste. Manche Tropfen enthalten Alkohol als Lösungsmittel, andere ein Trägeröl.
Ein zweiter Hinweis betrifft Vollspektrum-Öle: Sie können Restmengen THC enthalten. Wer im Straßenverkehr unterwegs ist oder einen Drogentest erwartet, sollte das bedenken — die Form der Einnahme ändert daran nichts.
Grundsätzlich gilt: Verschreibungspflichtige Cannabis-Arzneimittel sind etwas anderes als frei verkäufliche Öle. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erläutert die Unterschiede in seinen Fragen und Antworten (Quelle: BfArM, FAQ Medizinisches Cannabis).
Wann sollten Sie einen Arzt oder Apotheker fragen?
Drei Situationen verdienen fachlichen Rat, bevor Sie ein CBD-Produkt anwenden — gleich in welcher Form.
- Bei regelmäßiger Einnahme von Medikamenten: Die Apotheke prüft mögliche Wechselwirkungen schnell und ohne Termin.
- In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Lebererkrankungen: Besprechen Sie jede Anwendung vorab mit Ihrem Arzt.
- Bei Beschwerden, die Sie behandeln lassen möchten: Ein frei verkäufliches Produkt ist kein Arzneimittel und ersetzt keine Diagnose.
Auch ohne akuten Anlass gilt: Wer ein neues Produkt ausprobiert und ungewohnte Reaktionen bemerkt, sollte es absetzen und fachlich nachfragen. Die Apotheke ist dafür die niedrigste Schwelle.
Die Zwei-Wege-Aufnahme bleibt zum Schluss das Merkbild dieser Seite. Der direkte Weg über die Schleimhaut existiert — doch bei CBD-Tropfen geht das meiste offenbar durch Magen und Darm. Wer das weiß, liest Herstellerhinweise mit dem richtigen Maß: als sinnvolle Routine, nicht als belegten Vorteil.
Was das Halten unter der Zunge dennoch leisten kann: Es schafft einen festen Ablauf, macht das Zählen der Tropfen leichter und schadet nach jetzigem Stand nicht. Nur ein Wunder der Aufnahme sollte man davon nicht erwarten — die Routine ist weniger besonders, als die Werbung glauben macht.
Weiterführende Artikel: Das Themengebiet Anwendung und Dosierung ordnet alle Einnahmeformen ein. Die Startseite von CBDWissen führt zu allen Themengebieten.
Häufige Fragen
Quellen
- 1.Cannabidiol Oil Ingested as Sublingual Drops or Within Gelatin Capsules Shows Similar Pharmacokinetic Profiles in Healthy Males(öffnet in neuem Tab)— Cannabis and Cannabinoid Research (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 26. Juli 2026
- 2.A Systematic Review on the Pharmacokinetics of Cannabidiol in Humans(öffnet in neuem Tab)— Frontiers in Pharmacology (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 26. Juli 2026
- 3.Critical Aspects Affecting Cannabidiol Oral Bioavailability and Metabolic Elimination, and Related Clinical Implications(öffnet in neuem Tab)— CNS Drugs (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 26. Juli 2026
- 4.Epidyolex — Europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht (EPAR)(öffnet in neuem Tab)— Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA)A · Behörde / RechtAbruf: 26. Juli 2026
- 5.Arzneimittelinteraktionen von Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol in cannabinoiden Arzneimitteln(öffnet in neuem Tab)— Deutsches ÄrzteblattC · FachinstitutAbruf: 26. Juli 2026
Alle 8 Quellen anzeigen
- 6.Cannabidiol (compound of cannabis) — Fragen und Antworten(öffnet in neuem Tab)— Weltgesundheitsorganisation (WHO)A · Behörde / RechtAbruf: 26. Juli 2026
- 7.An Update on Safety and Side Effects of Cannabidiol: A Review of Clinical Data and Relevant Animal Studies(öffnet in neuem Tab)— Cannabis and Cannabinoid Research (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 26. Juli 2026
- A · Behörde / RechtAbruf: 26. Juli 2026
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Die Redaktion von CBDWissen
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