Endocannabinoide sind die Botenstoffe, die der Körper selbst herstellt — und denen die Cannabinoide der Hanfpflanze ihre Wirkung verdanken. Dieser Glossareintrag definiert den Begriff, nennt die wichtigsten Vertreter und grenzt ihn von verwandten Begriffen ab.
Die Kurzdefinition steht im Kasten direkt unter dem Titel. Die Abschnitte darunter erklären, was sie im Einzelnen bedeutet. Wer nur die Kurzfassung sucht, ist nach dem Kasten fertig. Wer Hintergrund sucht, liest weiter.
Was sind Endocannabinoide?
Endocannabinoide sind körpereigene Signalmoleküle, die an Cannabinoid-Rezeptoren binden. Der Name setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Das griechische Wort endon bedeutet innen. Der zweite Teil verweist auf die Hanfpflanze, deren Wirkstoffe zur Identifizierung dieses Systems führten.
Chemisch handelt es sich um fettähnliche Moleküle. Sie entstehen aus Bausteinen der Zellmembranen und leiten sich von der Arachidonsäure ab, einer mehrfach ungesättigten Fettsäure.
Zusammen mit den Rezeptoren und den auf- und abbauenden Enzymen bilden die Endocannabinoide das Endocannabinoid-System. Dieses System hilft dem Körper, viele Grundfunktionen im Gleichgewicht zu halten. Es gilt als eines der am weitesten verbreiteten Signalsysteme im menschlichen Organismus.
Welche Endocannabinoide sind bekannt?
Zwei Vertreter sind besonders gut erforscht: Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol, abgekürzt 2-AG. Beide unterscheiden sich in Aufbau, Vorkommen und Wirkstärke.
Die Suche nach ihnen begann mit einer einfachen Frage. Ende der 1980er-Jahre hatten Forschende Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn nachgewiesen. Solche Rezeptoren entstehen in der Evolution aber nicht für einen Pflanzenstoff.
Sie müssen einen körpereigenen Partner haben. Die Suche nach diesem Partner führte 1992 zum ersten Fund.
Anandamid beschrieb ein Team um William Devane 1992 als erste Substanz dieser Gruppe. Es bindet vor allem an den Rezeptor CB1, aktiviert ihn aber nur teilweise. Am Rezeptor CB2 ist es fast wirkungslos. Zusätzlich kann Anandamid den Rezeptor TRPV1 aktivieren, der an der Verarbeitung von Schmerzsignalen beteiligt ist.
2-AG folgte 1995 als zweite körpereigene Substanz. Es aktiviert beide Rezeptoren vollständig und kommt im Gehirn rund tausendmal häufiger vor als Anandamid. Viele Forschende sehen 2-AG daher als den wichtigsten körpereigenen Botenstoff dieses Systems.
Die beiden Hauptvertreter im direkten Vergleich.
| Merkmal | Anandamid | 2-AG |
|---|---|---|
| Jahr der Beschreibung | 1992 | 1995 |
| Aktivierung der Rezeptoren | teilweise, vor allem CB1 | vollständig, CB1 und CB2 |
| Menge im Gehirn | gering | rund tausendmal höher |
Weitere verwandte Moleküle untersucht die Forschung. Ihre Rolle ist bislang weniger gut geklärt als die der beiden Hauptvertreter.
Welche Aufgaben erforscht die Wissenschaft?
Die Aufgaben der Endocannabinoide lesen Forschende unter anderem an der Verteilung der Rezeptoren ab. CB1-Rezeptoren sitzen dicht gedrängt in Hirnregionen für Lernen, Gedächtnis und Bewegung. CB2-Rezeptoren kommen vor allem auf Zellen des Immunsystems vor.
Die Forschung untersucht die Aufgaben des Systems bei Appetit, Stimmung, Lernen und Immunabwehr. Auch die Entwicklung des Gehirns vor der Geburt und im Jugendalter steht im Blick. Viele dieser Zusammenhänge gelten als wahrscheinlich, aber noch nicht als endgültig geklärt.
Wichtig für die Einordnung: Aus der Aufgabe eines körpereigenen Stoffes folgt keine Wirkung eines pflanzlichen Produkts. Was das System im Labor tut, sagt wenig darüber aus, was ein Extrakt im Alltag tut. Werbeversprechen, die allein mit diesem System argumentieren, sind daher mit Vorsicht zu lesen.
Entstehung und Wirkung von Endocannabinoiden
Der Körper bildet Endocannabinoide nicht auf Vorrat. Er stellt sie erst dann her, wenn eine Zelle sie braucht. Fachleute nennen das Produktion auf Abruf. Klassische Botenstoffe wie Dopamin lagern Nervenzellen dagegen in kleinen Bläschen und setzen sie bei Bedarf frei.
Auch die Richtung der Signalweitergabe ist ungewöhnlich. Endocannabinoide wandern meist rückwärts: Die empfangende Zelle schickt sie zur sendenden Zelle zurück. Dort bremsen sie die Ausschüttung weiterer Botenstoffe. Das System wirkt so wie eine Art Deckel, der zu starke Erregung dämpft.
Nach getaner Arbeit bauen Enzyme die Moleküle schnell ab. Zwei Enzyme übernehmen dabei die Hauptaufgabe.
- Das Enzym FAAH zerlegt vor allem Anandamid.
- Das Enzym MAGL zerlegt vor allem 2-AG.
Wirkung und Abbau bleiben dadurch örtlich und zeitlich eng begrenzt.
Was unterscheidet Endo- von Phytocannabinoiden?
Die häufigste Verwechslung betrifft den Ursprung. Achtung: Endocannabinoide sind nicht dasselbe wie Phytocannabinoide. Endocannabinoide stellt der menschliche Körper selbst her. Phytocannabinoide wie THC und CBD stammen aus der Hanfpflanze.
Der Unterschied hat Folgen für die Wirkung. Pflanzliches THC flutet nach dem Konsum das gesamte Gehirn und bleibt lange aktiv. Körpereigene Endocannabinoide wirken dagegen nur an einzelnen Zellen und nur für kurze Zeit. Der Körper dosiert sein eigenes System also feiner, als es ein zugeführter Stoff könnte.
Eine zweite Abgrenzung betrifft klassische Neurotransmitter. Diese werden in Bläschen gespeichert und bei Bedarf ausgeschüttet. Endocannabinoide entstehen dagegen auf Abruf aus der Zellmembran und wirken rückwärts gerichtet. Beide Gruppen sind Botenstoffe, arbeiten aber nach verschiedenen Prinzipien.
Diese Einordnung hilft beim Lesen von Fachtexten. Taucht der Begriff dort auf, ist fast immer der körpereigene Stoff gemeint — nicht der Wirkstoff aus der Pflanze. Die Schreibweise verrät den Unterschied nicht; der Zusammenhang tut es.
Vertiefende Artikel
Dieser Eintrag liefert bewusst nur die Kurzfassung des Begriffs. Er beantwortet, was Endocannabinoide sind, welche Vertreter bekannt sind und wie sie entstehen und wirken. Die Vertiefung mit allen Hintergründen und Quellen steht in den Themengebieten dieser Website.
Das System als Ganzes mit seinen Rezeptoren, seinen Enzymen und seinen Aufgaben stellt der Artikel Was ist das Endocannabinoid-System? ausführlich vor. Den wichtigsten einzelnen Vertreter behandelt der Glossareintrag zu Anandamid.
Die pflanzliche Gegengruppe erklärt der Glossareintrag zu den Phytocannabinoiden in diesem Verzeichnis. Weitere Fachbegriffe finden Sie im Glossar; alle Themengebiete bündelt die Startseite von CBDWissen.
Quellen
- 1.An Introduction to the Endogenous Cannabinoid System(öffnet in neuem Tab)— Biological Psychiatry (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 12. August 2026
- 2.The endocannabinoid system as an emerging target of pharmacotherapy(öffnet in neuem Tab)— Pharmacological Reviews (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 12. August 2026
- 3.Cannabinoid Receptors and the Endocannabinoid System: Signaling and Function in the Central Nervous System(öffnet in neuem Tab)— International Journal of Molecular Sciences (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 12. August 2026
- 4.Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor(öffnet in neuem Tab)— Science (Fachzeitschrift)B · Peer-reviewte StudieAbruf: 12. August 2026
- 5.Körpereigenes Verliererkraut — Die Endocannabinoide(öffnet in neuem Tab)— Spektrum der Wissenschaft (SciLogs)E1 · QualitätsmediumAbruf: 12. August 2026
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